Preissprung an der Tankstelle
Die Preise für Benzin und Diesel an den Zapfsäulen steigen weit stärker, als es der Rohölmarkt rechtfertigt. VWL-Professor Ferdinand Fichtner hat analysiert, dass die Mineralölkonzerne die Preise zur Zeit überproportional anheben; darüber berichten unter anderem Handelsblatt und ntv. Bei uns im Interview erklärt er, inwiefern die aktuelle Kalkulation der Konzerne aus dem Rahmen fällt und Autofahrer*innen derzeit weit mehr zahlen, als sie müssten.
Was ist an der jüngsten Spritpreis-Entwicklung so besonders?
Erstmal ist die Kraftstoffpreisentwicklung ja nicht überraschend. Die Ölpreise sind seit dem Angriff auf den Iran stark gestiegen und dann steigen eben auch die Preise an der Tankstelle. Der entscheidende Punkt ist aber: Der aktuelle Preissprung geht deutlich über das hinaus, was sich durch den Ölpreisanstieg erklären lässt. Seit Ende Februar ist der Benzinpreis von etwa 1,80 € auf rund 2,10 € pro Liter gestiegen – um knapp 30 Cent. Auf Basis historischer Zusammenhänge hätte ich eher mit einem Preis von etwa 1,95 € gerechnet. Der Anstieg ist also weit stärker, als eigentlich zu erwarten gewesen wäre.
Aber reagieren die Tankstellen nicht ohnehin immer viel schneller auf steigende als auf sinkende Ölpreise?
Doch, das stimmt. Bei steigenden Ölpreisen sehen wir meist einen schnellen und kräftigen Anstieg der Preise an den Zapfsäulen. Gehen die Weltmarktpreise für Öl dagegen nach unten, dann dauert es viel länger, bis der volle Effekt auf die Kraftstoffpreise durchschlägt. Das ist in meiner Rechnung aber schon berücksichtigt und trotzdem ist der aktuelle Preisanstieg ungewöhnlich hoch.
Wie groß ist denn der Effekt von Ölpreisänderungen auf die Tankstellenpreise normalerweise?
Meine Analysen zeigen, dass eine dauerhafte Änderung des Ölpreises pro Barrel um 10 Euro langfristig zu einer Anpassung des Benzinpreises um 7,5 Cent pro Liter führt, bei Diesel um etwas mehr als 8 Cent. Bei einem Ölpreisanstieg wird der Preis an der Zapfsäule aber innerhalb von ein paar Tagen angepasst, während sinkende Ölpreise erst nach zwei Monaten voll an der Zapfsäule durchschlagen. Und trotzdem: Der Ölpreisanstieg seit dem Angriff auf den Iran, also seit Ende Februar, betrug etwa 20 Euro und würde also einen Anstieg der Kraftstoffpreise um gut 15 Cent erwarten lassen. Tatsächlich ist der Benzinpreis aber in den letzten Wochen um knapp 30 Cent gestiegen, der Dieselpreis sogar um mehr als 40 Cent.
Müssen wir uns dauerhaft auf dieses neue höhere Preisniveau einstellen?
Das kommt natürlich vor allem darauf an, wie sich der Weltmarktpreis für Öl entwickelt. Wenn ich optimistisch davon ausgehe, dass sich die Situation insbesondere um die Straße von Hormuz entspannt, dann dürfte sich der Ölpreis allmählich wieder in Richtung Vorkrisenniveau bewegen. Das dürfte dann über kurz oder lang auch an den Tankstellen zu spüren sein, allerdings, wie gesagt, mit ein paar Wochen Verzögerung. Aber selbst wenn der Ölpreis hoch bleibt, würde ich in den nächsten Wochen mit einem Rückgang bei den Kraftstoffpreisen rechnen, denn die starken Anstiege seit Anfang März sind eigentlich nicht durch gestiegene Beschaffungskosten zu rechtfertigen.
Erklären Sie uns bitte genauer, wie Sie methodisch zu diesen Ergebnissen gekommen sind?
Vereinfacht gesagt: Ich füttere meinen Computer mit den Ölpreisen und den verschiedenen Kraftstoffpreisen in den letzten 25 Jahren. Der Computer ermittelt dann einen Zusammenhang zwischen den Zeitreihen, rechnet also aus, in welchem Maß und mit welcher Verzögerung sich Änderungen der Ölpreise in der Vergangenheit in den Kraftstoffpreisen widergespiegelt haben. Die methodische Besonderheit besteht darin, die Asymmetrie zu berücksichtigen, die bei steigenden und sinkenden Ölpreisen auftritt. Hierzu musste ich ein bisschen tiefer in die Trickkiste greifen, weil normale Modelle in der Regel von symmetrischen Zusammenhängen ausgehen. Aber es gibt eben auch Methoden, die asymmetrische Muster erkennen können - und das hat hier gut gepasst.