Erinnerung an Jan Czochralski

Dass in Oberschöneweide eine der wichtigsten technologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts gemacht wurde, wissen bis heute nur Insider. Eine Plakette an der Fassade von Gebäude B auf dem Campus Wilhelminenhof der HTW Berlin hilft der Erinnerung seit 15. November 2019 auf die Sprünge. Gewidmet ist sie dem in Polen geborenen und in Deutschland erfolgreichen Wissenschaftler Jan Czochralski, der vor mehr als 100 Jahren im Metall-Labor des Kabelwerk Oberspree der AEG durch einen „merkwürdigen Zufall“, wie er später selbst sagte, den ersten Einkristall aus einer flüssigen Zinnschmelze zog. Das darauf aufbauende Verfahren wird bis heute zur Herstellung von Silizium-Einkristallen eingesetzt und entwickelte sich zur Basistechnologie des digitalen Zeitalters. 

Grund genug für die polnische und deutsche Sektion des Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), des weltweiten Berufsverbands von Ingenieur_innen der Elektrotechnik und Informationstechnik, die Bedeutung von Jan Czochralski 2019 in Gestalt des „Milestone Events Warsaw – Kcynia – Berlin“ zu würdigen. HTW-Vizepräsidentin für Forschung und Transfer, Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring, gab der Hoffnung Ausdruck, dass die bahnbrechende Erfindung heutige Studierende und Wissenschaftler inspirieren möge. Der polnische Botschafter in Deutschland, Prof. Dr. Andrzej Przyłębski, erinnerte daran, dass Czochralski in seiner polnischen Heimat erst spät Ehre zuteil wurde. Wegen seiner Tätigkeit in Deutschland wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst der Kollaboration beschuldigt. Die Rehabilitierung folgte erst 2011, 2013 rief das polnische Parlament das Jan Czochralski-Jahr aus. Inzwischen sind zahllose Plätze, Straßen und Schulen nach dem Wissenschaftler benannt.

Fachlich getragen wurde die Initiative für die Czochralski-Plakette von Prof. Dr. Bert Stegemann aus dem FB1, seines Zeichens Experte für Photovoltaik, sowie Prof. Dr. Dorothee Haffner (FB 5), die seit vielen Jahren mit den Kolleg_innen des Berliner Zentrum Industriekultur die Spuren der Industriekultur in der Hauptstadt sichtbar und erlebbar macht. „Fast die Hälfte aller heute weltweit installierten Solarzellen besteht aus einkristallinem Silizium, das nach dem Czochralski-Verfahren hergestellt wurde, sagt Prof. Dr. Stegemann. „Die Erfindung Czochralskis leistet so einen riesigen Beitrag für den Klimaschutz“, wird der Photovoltaik-Experte an der TU Warschau ausführen, wo im Vorfeld der Enthüllung der Plakette eine Tagung stattfindet. Außerdem leiste das Czochralski-Verfahren einen Beitrag zur rasanten Entwicklung der Chipindustrie, die unseren Alltag maßgeblich prägt. Man denke nur an das Smartphone.

Den genauen Standort des Metall-Labors auf dem weitläufigen Areal des historischen Kabelwerks Oberspree zu lokalisieren, in dem Czochralski im Jahre 1916 seine legendäre Entdeckung machte, war übrigens nicht einfach. „Nach jüngsten Erkenntnissen befand sich das Labor nicht direkt auf dem heutigen Campus der HTW Berlin, sondern in einem heute unzugänglichen Gebäude auf dem Firmengelände in unmittelbarer Nachbarschaft“, sagt Prof. Dr. Haffner. Streng genommen hängt die Czochralski-Plakette also nicht am richtigen Haus. Doch sie ehrt zweifelsfrei den richtigen Entdecker.

Apropos Entdecker: Die HTW Berlin hat sich der Erinnerung an Jan Czochralski zum ersten Mal im Jahr 2016 angenommen. Damals richtete Prof. Dr. Haffner gemeinsam mit Prof. Ruth Keller (FB 5) das Symposium „100 Jahre Czochralski-Verfahren“ aus. Bei der Veranstaltung wurde zum ersten Mal der von der Münchner Siltronic AG gestiftete und mit 1.000 Euro dotierte Czochralski-Preis verliehen. Jan Czochralski hat mit seiner Entdeckung natürlich auch einen Platz in der 60 Meter langen Fassadengestaltung „Von der schönen Weyde zum Campus Wilhelminenhof“, die seit Oktober auf dem Campus Wilhelminenhof öffentlich zugänglich ist.

Mehr zur Geschichte des Campus Wilhelminenhof finden Sie auf der Projektwebsite.

Text: Gisela Hüttinger, Transfer- und Projektkommunikation