Forschung war nicht immer selbstverständlich

Die Forschungsaktivitäten an der HTW Berlin waren übersichtlich, als Bärbel Sulzbacher 1995 an die „frischgebackene“ Fachhochschule kam. Heute ist das anders. 2019 warben HTW-Wissenschaftler_innen Drittmittel in Höhe von 11.5 Millionen Euro für ihre Forschung ein. Und die Anzahl der Anträge auf Forschungsförderung steigt stetig. Ende Mai 2020 verabschiedet sich die langjährige Leiterin des Kooperationszentrums Wissenschaft – Praxis (KONTAKT) in den Ruhestand. Im Interview resümiert sie 25 Jahre Forschungsgeschichte der HTW Berlin. 

Frage: Wie hat sich das Forschungsgeschehen seit der Gründung der HTW Berlin entwickelt?
Bärbel Sulzbacher:
Ich kam mit dem Auftrag an die Hochschule, eine EU-Beratungsstelle aufzubauen. Bei der Anbahnung und Umsetzung diverser EU-Projekte lernte ich die forschungsengagierten Professor_innen – die Zahl war überschaubar – schnell kennen. Im Jahr 2000 übernahm ich zusätzlich die Leitung des Wissens- und Technologietransfers, wie die Abteilung damals noch hieß. Seit 2002 führen wir eine solide Forschungsdokumentation. Unsere Zahlen belegen, dass die Forschung seitdem richtig Fahrt aufgenommen hat.

Ein Beispiel: Die Drittmittel haben sich zwischen 2002 und 2019 versiebenfacht. Statt der damals 50 Drittmittelprojekte bewirtschaftete die Finanzabteilung zuletzt jährlich ca. 200 laufende Projekte, davon 83 Prozent Forschungsprojekte. Oder die wissenschaftlichen Publikationen: Sie haben sich seit 2002 mehr als verdreifacht. Natürlich ist auch die Zahl der Professor_innen gewachsen, aber nicht annähernd so stark. Es sind heute 1,5 Mal soviele wie 2002. Auch über 500 aktuell laufende Forschungskooperationsverträge zeigen, dass die HTW Berlin in der regionalen Wirtschaft, im Kulturbereich und auch in der nationalen Forschungs- und Hochschullandschaft eine gefragte Partnerin ist. Auch das Patentwesen hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt.

Diese quantitativen Indikatoren spiegeln einen tiefgreifenden Wandel wider. Während Forschung vor 25 Jahren oft kritisch beäugt und als Widerspruch zum „Primat der Lehre“ an einer Fachhochschule gesehen wurde, gehört sie heute zum professoralen Selbstverständnis. Sie wird als Bereicherung der Lehre verstanden, auch als Image- und Wettbewerbsfaktor.

Welche Faktoren waren ausschlaggebend für diese Entwicklung?
Bärbel Sulzbacher:
Zuallererst natürlich die intrinsische Motivation der Forschenden. Ohne deren Kompetenz, Initiative, Erfahrung und Kreativität läuft nichts. Gleichwohl bleibt für Hochschulleitung, Dekanate und Servicebereiche noch genug zu tun. Das fängt beim Forschungsservice und günstigen administrativen Rahmenbedingungen an und reicht über die Bereitstellung von Infrastruktur und Ressourcen bis zur Wertschätzung und Belohnung, um Engagement zu erhalten und zu befeuern.

Parallel zur Beratung haben wir im Kooperationszentrum Wissenschaft – Praxis über viele Jahre hinweg selbst große Projekte akquiriert und koordiniert, meist Transfer- und Infrastrukturprojekte sowie Pilotprojekte der Weiterbildung. Das kam der Organisationsentwicklung der HTW-Forschung zugute und wir sammelten selbst Erfahrungen im Umgang mit Anträgen, wovon wiederum die Wissenschaftler_innen in der Beratung profitierten.

Auch der Trend vom Einzelkämpfertum zur interdisziplinären Teamarbeit hat unsere Forschung gestärkt. Im Team können größere Anträge und Projekte gestemmt werden. Deshalb war die Etablierung von Forschungsclustern und Schwerpunkten ein sinnvoller Ansatz, um Kompetenzen zu bündeln und ein klares Forschungsprofil herauszuarbeiten.

Der Forschungsszene an der HTW Berlin bekommt es gut, dass wir die richtige Mischung an „alten Hasen“ und „Pionieren“ haben. Neben den konsolidierten Forschungsschwerpunkten differenziert sich das Forschungsgeschehen auch immer weiter aus mit neuen Akteur_innen, individuellen Themen und Projekten. Hier wirkt sich der personelle Aufwuchs und der Generationenwechsel belebend aus, den die Hochschule in den letzten Jahren durchlaufen hat.

Welche Förderprogramme sind für die HTW-Forschung wichtiger, die deutschen oder die europäischen
Bärbel Sulzbacher:
Der größte Zuwachs ist bei den nationalen Förderprogrammen zu verzeichnen. Früher war für uns die speziell auf Fachhochschulen ausgerichtete Forschungsförderung besonders wichtig. Heute nehmen unsere Forschenden das gesamte Spektrum an Fördermöglichkeiten in Anspruch, darunter die Fachprogramme des Bundes, der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder Stiftungsmittel, die Landesförderung des Instituts für Angewandte Forschung Berlin (IFAF Berlin) und vieles mehr.

Die ehemals sehr bedeutende EU-Strukturfondsförderung bricht - durch geänderte Förderbedingungen - nach und nach weg. Dies war vorhersehbar. Eine unserer Antworten darauf ist das Projekt EU-FIT. Wie der Name schon sagt, wollen wir die HTW Berlin noch fitter für die EU-Forschung machen. Es geht darum, sowohl mit ganz pragmatischen Antragshilfen als auch mit Netzwerkbildung und strategischen Komponenten wie einem Ethikkonzept, einer Open Access Strategie und Citizen Science-Ansätzen die Beteiligungschancen unserer Forschenden im EU-Programm „Horizon2020“ zu erhöhen.

Wachsen die verfügbaren Fördermittel proportional zu der Zahl der Anträge, die bei KONTAKT eingehen?
Bärbel Sulzbacher:
Nein, die Fördermittel hinken dem Bedarf hinterher, sind ergo härter umkämpft. Der Anstieg der Drittmitteleinnahmen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere Erfolgsquote leicht rückläufig ist. Mein Team hat in den letzten fünf Jahren eine steigende Zahl an Anträgen bei der Vorbereitung und Einreichung begleitet, 2019 waren es 137 Forschungsanträge – übrigens bei gleichem Personalstand. Wir haben Prozesse optimiert, Wege verkürzt und gestalten Abläufe heute routinierter. Besonders freut mich, dass die Forschenden sich dennoch gut bedient fühlen. Dieses Feedback bekommen wir auf jeden Fall häufig.

Wird die Bedeutung der Forschung an Fachhochschulen mittelfristig ähnlich groß sein wie an Universitäten?
Bärbel Sulzbacher:
Auf jeden Fall ist die strikte Trennung zwischen der Anwendungsforschung an Fachhochschulen und der Grundlagenforschung an den Unis weniger relevant. Die Universitäten proklamieren für sich zunehmend die anwendungsorientierte Forschung, während die Fachhochschulen versuchen, in Hoheitsgebiete der Universitäten vorzudringen, zum Beispiel mit der Forderung nach einem eigenständigen Promotionsrecht.

Inzwischen konkurrieren beide Hochschultypen zunehmend um dieselben Fördertöpfe. Und obwohl die Fachhochschulen mit ihrer hohen Lehrverpflichtung, dem nach wie vor fehlenden Mittelbau und ihrer viel bescheideneren Infrastruktur – und Ressourcenausstattung immer noch die schlechteren Karten haben, haben sie sich ein bravouröses Standing erarbeitet und sind aus der heutigen Forschungslandschaft nicht mehr wegzudenken. Das finde ich bemerkenswert.

Berlin, 18. Mai 2020

Die Fragen stellte Gisela Hüttinger, Transfer- und Projektkommunikation
Foto: HTW Berlin, Cornelia Fieguth