Kunstprojekt erinnert an deutsche Geschichte

Man könnte sie für einen Teil des stetig wachsenden Urban Garden halten: die Birken, die unweit der Spree auf dem Campus Wilhelminenhof wachsen. Erst wer näher tritt und die unscheinbare Tafel neben einem der Bäumchen liest, begreift die tatsächliche Dimension. Die noch jugendlichen Birken stammen aus der Umgebung des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, das am 27. Januar 1945, also vor 75 Jahren, von Truppen der Roten Armee befreit wurde.

Aber wie kommt das gute Dutzend Bäume auf den Campus der HTW Berlin? Ganz einfach: Die Hochschule hatte 2011 bereitwillig die Hand gehoben, als in Vorbereitung der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst berlinweit Orte und Partner für das Erinnerungsprojekt von Łukasz Surowiec gesucht wurden. Der heute 35jährige Krakauer Künstler hatte in der Umgebung des auf polnischem Staatsgebiet liegenden ehemaligen nationalsozialistischen Vernichtungslagers zahlreiche Birkensetzlinge ausgegraben und in die Hauptstadt gebracht. Mit seinem Projekt wollte er das schwere historische Erbe und die Verantwortung Polens für die Erinnerung an den Holocaust symbolisch an den deutschen Staat und die deutsche Bevölkerung zurückgeben. Statt eine steinerne Erinnerungskultur zu pflegen war es Surowiec wichtig, ein lebendes Kunstwerk zu schaffen, das Vergangenheit und Gegenwart unauffällig, aber doch präsent verbindet.

Der Campus Wilhelminenhof war bei der Berlin-Biennale einer von insgesamt rund 50 Orten, an denen zur Schaufel gegriffen und kleine Birken gepflanzt wurden. Als ehemaliger Industriestandort, auf dem während der NS-Zeit auch Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden — das Zwangsarbeiterlager Niederschöneweide befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft auf der anderen Seite der Spree — ist der Wilhelminenhof überdies ein Ort, an den das Erinnerungsprojekt von Łukasz Surowiec besonders gut passt.

Text und Foto: Gisela Hüttinger, Transfer- & Projektkommunikation