"Lehren und Lernen weiterdenken"

Prof. Dr. Tilo Wendler, Vizepräsident für Lehre und Internationales, im Interview.

Wie hat sich die Coronakrise aus Ihrer Sicht bislang auf die HTW Berlin ausgewirkt?

In der letzten Märzwoche erreichte die Coronakrise mit voller Heftigkeit unsere Hochschule. Ein kompletter Lockdown – gerade zum Semesterstart. Innerhalb weniger Tage haben wir es alle zusammen geschafft, die organisatorischen Rahmenbedingungen, die technischen Voraussetzungen und die didaktische Herangehensweise auf fast 100 % E-Learning umzustellen. Das war eine sehr anstrengende Zeit. Umso mehr freue ich mich, dass wir dies gemeinsam so gut geschafft haben und möchte mich noch einmal bei allen für das Engagement und die tolle Zusammenarbeit bedanken! Mittlerweile sind die meisten Dinge gut geregelt, das Online-Semester läuft. Derzeit steht die Wiederholung des abgesagten zweiten Prüfungszeitraums an. Und natürlich stecken wir bereits mitten in den Vorbereitungen für das nächste Wintersemester. Die Bewerbungsphase hat ja auch gerade begonnen.

Man hört viel von den verschobenen Abiturprüfungen. Wie schätzen Sie die Bewerbungssituation ein?

Die Bewerbungsphase wird, denke ich, geprägt sein durch eine zunehmende Unsicherheit der Interessent_innen. Wir werden daher eine virtuelle Woche der offenen Tür und viele weitere digitale Angebote zur Beratung anbieten. Die HTW Berlin ist mittlerweile auch mit Werbung auf Google, Instagram und in den U- und S-Bahnen Berlins unterwegs. Ein Projekt, das mit großer Energie vorangetrieben wird. Auch aufgrund der konjunkturellen Situation könnte die Anzahl der Bewerbungen steigen. An den Zahlen sehen wir, dass sich ausländische Studierende nach wie vor sehr für ein Studium an der HTW Berlin interessieren.

Also alles in Ordnung bei den Bewerbungen für das Wintersemester?

Eine Herausforderung ist die Abwicklung des Bewerbungsprozesses. Die HTW Berlin hat auf einen elektronischen Prozess mit Bordmitteln umgestellt. Das neue Campus-Management-System wird schnellstmöglich eingeführt, steht natürlich so schnell aber nicht zur Verfügung. Insofern müssen sich alle Beteiligten etwas umstellen. Das wird aber sicher machbar sein. Alle Beteiligten und hier insbesondere das Team des Studierendenservice unter Leitung von Frau Brettin arbeiten wirklich unermüdlich an einer möglichst optimalen Umsetzung. Wirklich toll. Dass Hochschulstart/DOSV als die bundesweite Bewerbungsplattform für Bachelor erst zum 1. Juli starten wird, bringt dann auch noch eine zeitliche Verzögerung des Semesterbeginns für die Erstsemester mit sich. Für die Studienanfänger_inner wird das Wintersemester 2020/21 erst im November starten. Ob dies auch für die höheren Semester gilt, wird in Berlin bald entschieden. Das würde aber alle Folgetermine in 2021 in Frage stellen. Ich fände das nicht gut.

Und welche Folgen hat COVID-19 für die Lehre?

Wir sind aufgefordert, die Strategie der Hochschule in Bezug auf Lehren und Lernen weiterzudenken. Als Präsenzhochschule sollten wir eine neue Balance zwischen On-Campus und Digitalisierung finden und beides auch parallel denken. Dies ist auch wichtig, um Abstandsregeln und Nachteilsausgleiche zu berücksichtigen.

Welche Änderungen sehen Sie da konkret?

Die Kombination von persönlicher und virtueller Betreuung der Studierenden bringt eine stärkere Betonung des Inverted-Classroom-Charakters mit sich. Die Materialien, die wir im Sommersemester produzieren, sind ein guter Ausgangspunkt dafür. Allerdings werden wir in vielen Fällen den Umfang der Stoffvermittlung reduzieren müssen, um das Wintersemester qualitativ gut zu bewältigen. Um es kurz zu halten, sehe ich folgende Schlagworte für das kommende Wintersemester:

  • Die Ermöglichung von Labor- und Studioarbeit sollte Priorität haben.
  • Seminare müssen mehrfach durchgeführt werden mit reduzierter Teilnehmer_innenzahl oder eben als Kombination von Präsenz- und Online-Angebot.
  • Eine leichte Reduktion der Stoffvermittlung – stets mit Augenmaß – trägt zur Vermeidung der Überlastung von Lehrenden, Studierenden und auch des Finanzrahmens bei.

Aber dann werden die Prüfungen im Wintersemester wieder normal laufen?

Die Erstsemester befinden sich durch das holperige Ende der Schulzeit und die verspäteten Bewerbungen in einer besonderen Ausgangslage. Die höheren Semester haben gerade einen besonderen Sommerlehrplan bewältigt und sehen sich auch privat mit sehr vielen Herausforderungen konfrontiert. Diese Bedingungen werden verständlicherweise einen Einfluss auf den Studienfortschritt haben. Mit einer steigenden Anzahl offener Prüfungsleistungen ist zu rechnen. Darauf sollten wir als Hochschule mit einer Ausweitung der studienbegleitenden Angebote, wie Tutorien und Online-Hilfe, in der gesamten Fächerbreite reagieren. Sonst werden zu viele Studierende ihr Studium abbrechen. Frustration und negative Erfahrungen müssen wir so gut es geht vermeiden. Da sind wir alle – Hochschulleitung und Fachbereiche - gefragt und dazu werden wir auch gemeinsam Prioritäten setzen und Budgets freisetzen müssen.

Wie stehen Sie zur Drei-Semester-Regel?

In bisherigen Diskussionen bestand immer Einigkeit darin, dass ein zielgerichtetes Studium angeboten und dann auch wahrgenommen werden sollte. Insofern ist die Drei-Semester-Regel eine Gratwanderung gewesen. Sie bringt übrigens wesentliche Flexibilisierung mit sich, die es bei enger Auslegung des Gesetzeswortlauts so gar nicht geben würde. Danach gäbe es nur direkt nach jedem Kurs eine Prüfung und eine Wiederholungsmöglichkeit, was ich für zu restriktiv halte. Besonders jetzt dürfen wir aber nicht vergessen, dass die HTW Berlin als staatliche Hochschule eine besondere gesellschaftliche Verantwortung hat. Alle Beteiligten ergreifen alle nur möglichen Maßnahmen, um Härten abzufedern. Deshalb wurde auch die Drei-Semester-Regel für die jetzigen Semester ausgesetzt. Sie kann nur gelten, wenn es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anforderungen und Leistungsmöglichkeiten der Studierenden gibt. Bei den aktuellen Problemen in der Wirtschaft und den persönlichen und familiären Herausforderungen scheint mir das nicht der Fall zu sein. Auf absehbare Zeit sehe ich die Anwendung der Drei-Semester-Regel daher sehr kritisch. Möglicherweise eröffnet ein neues Berliner Hochschulgesetz dann passendere Möglichkeiten.

Und nun noch ein Wort zum Schluss …

Die Erkenntnisse des aktuellen Online-Semesters helfen uns bei der Vorbereitung auf die kommenden Herausforderungen. Wir haben im Wintersemester 2.750 Lehrveranstaltungen, ca. 1500 Praktika und mehrere Tausend Prüfungen vor uns. Da ist ein guter Austausch zwischen allen Beteiligten sehr wichtig. Nur so finden wir Lösungen für Probleme, schon bevor sie entstehen. Den Studierenden, den Lehrenden und den Mitarbeiter_innen der Verwaltung ist dies bisher in herausragender Weise gelungen! Dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin fest überzeugt, dass wir auch weiterhin den Studierendenerfolg und ein tolles Lehrerlebnis organisieren können. Ich freue mich sehr darauf.