Leerstand ist keine Option

Das Erdgeschoss als Wohnraum wird in Deutschland nach Meinung von Regina Zeitner, Professorin an der HTW Berlin und Gründungsmitglied des Competence Center Process Management Real Estate, sträflich vernachlässigt.

Laufen Sie am ersten schönen Tag des Jahres durch Amsterdam: Blumentöpfe werden rausgestellt, Kissen auf die Treppen gelegt, das Leben findet auf den Straßen, in den Erdgeschossen, im Souterrain statt – die Straße als erweiterter Lebensraum. Gehen Sie durch Berlin, durch Moabit oder durch Wedding, innerstädtisch, beste Infrastruktur: Erdgeschosse ganzer Straßenzüge stehen so gut wie leer, heruntergelassene Rollläden, Coffee-to-go-Becher, Sperrmüll, Hundekot. Läden werden hier keine mehr entstehen – man ist nicht im Szeneviertel.

Zwar ist Berlin ein Sonderfall, aber es ist für Prof. Zeitner unverständlich, warum das Erdgeschoss nicht stärker im Fokus der Verantwortlichen, der Bauämter, der Stadtplanung, der Politik und der Immobilieneigentümer ist. Gründe dafür gäbe es genügend. Die Bevölkerung Deutschlands schrumpft und es fehlen bereits kurzfristig altersgerechte Wohnungen. Der Rückgang der Bevölkerung wird – trotz Landflucht – ab einem gewissen Zeitpunkt auch den Wachstumsgrad der Städte beeinflussen. Warum also große Neubauprojekte in den Randbezirken initiieren, denen es an Vielfalt und Kultur mangelt?

Selbstverständlich reichen die ungenutzten Flächen im Erdgeschoss alleine nicht für die notwendige Anzahl neuer Wohnungen aus, aber sie können einen Beitrag leisten. Und dies ohne weitere Straßen und unterirdische Infrastruktur zu bauen, ohne langwierige Genehmigungsprozesse abzuwarten und eben auch ohne neuen Leerstand zu produzieren, wenn der Bevölkerungsrückgang einsetzt.

Bis 2025 wird nach Angaben des Bundesamtes für Bauwesen und Bauordnung (BBRS) mit einem Zuwachs von 2,9 Mio. wohnungsnachfragenden Senioren gerechnet. Erdgeschosse bieten sich wegen ihrer Zugänglichkeit für altersgerechte und barrierefreie Wohnungen an. Durch die Umnutzung von Läden in Wohnraum und dem in der Regel schlechten Zustand der Flächen sind ohnehin Umbaumaßnahmen notwendig. Hier kann direkt in Barrierefreiheit investiert werden.

Dem Wohnungsmangel muss auf vielen Ebenen begegnet werden: Umnutzungen von Leerstandsflächen, Nachverdichtungen, Dachaufbauten und auch Neubauten. Die Bevölkerungsdichte in den Städten steigt. Daher ist die sinnvolle Nutzung vorhandener Flächen, die Entwicklung des Straßenraums zu einem lebenswerten und lebendigen Ort eine Notwendigkeit.

Über das Projekt berichtete Sonja Smalian in der Immobilienzeitung, Facility Management 2014, Ausgabe 06.02.2014, ISSN: 1433-7878, Seite 35.
http://www.immobilien-zeitung.de/125257/leerstand-ist-keine-option

Projektlaufzeit

1.10.2013 - 18.2.2014

Projektleitung

Kooperationspartner

  • Quartiersmanagement Moabit Ost

Homepage

http://www.immobilien-zeitung.de/125257/leerstand-ist-keine-option