Age of Monsters: HTW Berlin zeigt fünf Experimentalanordnungen zu KI und Neurotechnologie auf der Ars Electronica 2026
9. September 2026 – Der Studiengang Kommunikationsdesign der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) ist 2026 erneut Teil der Campus Exhibition des Ars Electronica Festival in Linz. Unter dem Titel 'Age of Monsters – AI, Neurotechnology and the Negotiation of Humanity' zeigen Studierende bis 13. September 2026 fünf interaktive Installationen, die KI und Neurotechnologien erfahrbar machen und ihre Logik gegen sie selbst wenden.
Das diesjährige Festivalmotto lautet „Zukunft beginnt – Negotiating Humanity". Age of Monsters (Epoche der Monster) nimmt das Motto beim Wort: Die Ausstellung setzt dort an, wo KI und Neurotechnologien zu Regimen geworden sind, die den Menschen verwalten – Infrastrukturen, die Verhalten, Affekte und Überzeugungen in Profile, Scores und Wahrscheinlichkeiten übersetzen. Das Monster, so die kuratorische These, entsteht nicht im Code allein, sondern in der Kopplung aus Datenhunger, Vorhersagelogik und verschobener Verantwortung.
Die fünf Arbeiten übererfüllen diese Logik, bis sie bricht. Besucherinnen und Besucher werden dabei nicht als Publikum eines Science-Centers adressiert, sondern zum Material einer diagnostischen Praxis, in der jede Teilnahme Mitverantwortung für die entstehenden Rahmungen trägt.
Die fünf Arbeiten
DOXA von Julius Wenk klont Besucherinnen und Besucher in KI-Agenten, deren Persönlichkeiten geteilte Fakten innerhalb von Filterblasen mutieren lassen. Ein konstruktivistisches Experiment darüber, wie aus Tatsachen verhandelbare „kommunale Wahrheiten" werden – und wer sie verhandelt.
Threshold von Mariana Hurtado Carvajal kehrt die Logik sozialer Medien um: Statt Aufmerksamkeit einzufangen, stört die Arbeit die Stille. Wer 90 Sekunden regungslos sitzt, wird von einem reaktiven System aus Kamera- und EEG-Daten gezielt aus der Ruhe gebracht.
I'm always here for you von Pauline Barth, Hannah Charlotte Tritt und Liliane Schuster zeigt zwei KI-Avatare im Dialog über Beziehungen. Wer näher tritt, wird Teil des Gesprächs; aus Beobachtung wird direkte Ansprache. Eine Versuchsanordnung über digitale Einsamkeit und die algorithmische Vermittlung von Nähe.
The Verification von Melissa Papafio-Roberts und Tabitha Reich versetzt Besucherinnen und Besucher in ein immersives VR-Verhör, das Wahrheit, Moral und Verhalten zu einem „Truth Score" verrechnet. Eine kritische Reflexion über Überwachung, Social Scoring und die Quantifizierung menschlicher Werte.
EGO von Lea Baeriswyl und Conrad Lischewsky übersetzt die Hirnaktivität des Publikums per EEG, Echtzeit-Visualisierung und synthetischer Stimme in eine digitale Parallel-Präsenz. Das Selbst wird zum Datensatz – in einer nahen Zukunft, in der Datenextraktion zur Normalität geworden ist.
Kontinuität auf internationalem Festivalniveau
Mit Age of Monsters ist der Studiengang Kommunikationsdesign im sechsten Jahr in Folge Teil der Ars Electronica, des weltweit bedeutendsten Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft. 2021 richtete der Studiengang den Ars Electronica Garden Berlin selbst aus; seit 2022 ist er fünfmal in Folge in der Campus Exhibition in Linz vertreten. Über diese Jahre hinweg ist eine kontinuierliche medienkünstlerische Ausstellungspraxis entstanden, die KI, Brain-Computer-Interfaces und immersive Formate verbindet.
Kuratiert wird die Ausstellung von Prof. Andreas Ingerl, Marcel Bückner und Thomas Kemnitz. Die Arbeiten entstehen am Fachbereich Gestaltung und Kultur (School of Culture and Design) der HTW Berlin, eng verwoben mit der Berliner Tech- und Medienkunstszene und verortet in der historischen „Elektropolis" Berlin-Oberschöneweide.
Age of Monsters benennt damit eine Übergangsordnung, in der dieselben Infrastrukturen als Öffnung oder Schließung wirken können, als Unterstützung oder als Kontrollapparat – je nachdem, welche Nutzung sich durchsetzt.
„Das Alte stirbt und das Neue kann nicht geboren werden: in diesem Interregnum treten die verschiedenartigsten morbiden Erscheinungen auf."
— Antonio Gramsci, Quaderni del carcere, Q. 3 (XX), § 34 (Übertragung aus dem Italienischen)