Sammeln erforschen

In Göttingen soll ein neues zentrales Wissenschaftsmuseum (Forum Wissen) entstehen. Es knüpft an vorangegangene Institutionen und Ausstellungen an, schafft aber gleichzeitig einen neuartigen Raum für die Darstellung von und Auseinandersetzung mit dem Wissen-Schaffen. Das zugrundeliegende Wissenschaftsverständnis ist dabei praxeologisch und konstruktivistisch, d.h. Wissen wird als ein sich stetig wandelndes Produkt verstanden, das von Menschen in jeweils spezifischen zeitlichen, räumlichen und gesellschaftlichen Kontexten und Netzwerken geschaffen wird. Materielle Basis des Forum Wissen werden die rund 30 akademischen Sammlungen sein, die sich an der Universität Göttingen befinden.
Diese wurden 1987 zum 250-jährigen Jubiläum der Universität erstmals in einer zentralen Ausstellung öffentlich vorgestellt (Beuermann, 1987). Fünfundzwanzig Jahre später, im Mai 2012, wurde anlässlich des 275. Jubiläums der Universität die Ausstellung Dinge des Wissens eröffnet, die erneut Einblicke in die „Schatzkammern des Wissens“ gewährte, zugleich aber auch das Wissen-Schaffen nach den Kategorien Sammeln, Ordnen, Forschen und Lehren thematisierte (Dinge des Wissens, 2012). Im folgenden Jahr gründete die Universität Göttingen die Zentrale Kustodie. Sie unterstützt die Sammlungen bei der Erhaltung und zeitgemäßen Erschließung ihrer Objekte und regt dazu an, das in ihnen liegende Potential zu heben und nachhaltig zu nutzen. Im Forum Wissen werden alle drei Komponenten, Erhaltung, Erschließung und Nutzung der Sammlungen für Forschung, Lehre und zur Wissenschaftskommunikation, miteinander verknüpft. Mit diesem Vorhaben nimmt die Universität Göttingen eine prominente Rolle im nationalen wie auch internationalen Diskurs um die Materialität des Wissens und das potentielle Aufgabenfeld institutionalisierter Universitätsmuseen ein.
Die Georg-August Universität wurde 1737 von George II., König von Großbritannien und Irland und gleichzeitig Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, gegründet. Sie galt in ihrer Gründungsepoche als Universität der Aufklärung par excellence. Zu ihren charakteristischen Merkmalen gehörte – neben der formalen Gleichstellung der vier Fakultäten und einer ungewöhnlich gut ausgestatteten Bibliothek – das 1773 eröffnete Königlich Academische Museum. In direkter räumlicher Anbindung an das zentrale Bibliotheksgebäude beherbergte es bereits kurz nach seiner Gründung rund 12.000 Objekte, die der erste Kurator des Museums, Johann Friedrich Blumenbach, nach den Kategorien „Naturgeschichte des Menschengeschlechts“, „das übrige Tierreich“, „Gewächse“ und „Mineralien“ ordnete. Obschon die Objekte, deren Zahl im Verlauf der folgenden Jahrzehnte kontinuierlich anstieg, bis 1878 unter dem Dach des Academischen Museums zusammen blieben, kündigte diese Kategorisierung doch bereits den Prozess der Diversifizierung der Fächer an, der sich im Lauf des 19. Jahrhunderts vollzog. Am Göttinger Fall lässt sich ein Zusammenhang zwischen dieser Diversifizierung und der Existenz oder Herausbildung einzelner Sammlungen vermuten. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Entstehung der Ethnologie. Aber auch die Kunstgeschichte und Archäologie als akademische Disziplinen berufen sich auf ihre Geburt an der Georg-August-Universität Göttingen.
Die angenommene gegenseitige Beeinflussung von akademischer Sammlung und akademischer Disziplin bildet den Ausgangspunkt für das Forschungs- und Ausstellungsprojekt, das die Zentrale Kustodie der Universität Göttingen in Kooperation mit dem Lehrstuhl Sammeln und Ausstellen in Theorie und Praxis des Studiengangs Museumskunde / Museumsmanagement und -kommunikation der HTW Berlin plant.
Es untersucht die Göttinger Ethnologische Sammlung im Kontext des frühen Academischen Museums und fragt nach der Bedeutung von Sammlungsobjekten für die Ausdifferenzierung moderner Fachwissenschaften, die sich im Übergang vom Universalismus der Aufklärung bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vollzog. Wir gehen von der zentralen These aus, dass die Herausbildung vieler Fachdisziplinen durch wissenschaftliche Sammlungen vorweggenommen bzw. dass ihre Genese maßgeblich durch relevante Sammlungsbestände begleitet wurde. Wissenschaftliche Methoden, die in Folge von Aufklärung und Rationalisierung in diesem Zeitraum entstanden sind, werden derzeit erneut in Frage gestellt und durch Konzepte indigener Wissensproduktion, künstlerischer Forschung und partizipativen Sammelns herausgefordert. Die Aufarbeitung der historischen Sammlung soll daher um wissenschaftsgeschichtliche und museumstheoretische Fragestellungen der Gegenwart erweitert werden. Mit der Frage, wie die Arbeit mit Objekten die derzeitige Wissensproduktion beeinflusst und verändert, werden unsere historischen Forschungen an den aktuellen Theoriediskurs in Ethnologie, Museumswissenschaft und Material Culture Studies angeschlossen.

Projektlaufzeit

1.10.2016 - 14.9.2021

Projektleitung

Projektmitarbeiter/innen

Kooperationspartner

  • Dr. Marie-Luise Allemeyer, Direktorin Zentrale Kustodie, Göttingen
  • Susanne Wernsing, HTW Berlin
  • Dr. Gudrun Bucher, Uni Göttingen
  • Ashmolean Museum in Oxford: Dr Alexander Sturgis, Director
  • Bard Graduate Centre, New York: Prof. Ivan Gaskell
  • Hunterian Museum, Glasgow: Prof. David Gaimster
  • Museum für Islamische Kunst Berlin: Dr. John-Paul Sumner, Access Curator
  • Reiss-Engelhorn-Museum, Mannheim: Dr. Iris Edenheiser, Kuratorin Ethnologische Sammlung
  • Tropenmuseum, Amsterdam: Dr. Wayne Modest, Sammlungsleiter
  • Prof. Dr. Sharon Macdonald, CARMaH HU Berlin
  • Dr. Dominik Hünniger, Lichtenberg-Kolleg, Göttingen

Mittelgeber

VW-Stiftung

Förderprogramme

Forschung in Museen