Material – Beziehung – Geschlecht. Artefakte aus den KZ Ravensbrück und Sachsenhausen

Eine systematische und vergleichende Untersuchung der Artefakte in den Sammlungen der Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück, beide Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, ist Ziel dieses kooperativen Forschungsprojekts. Material- und kulturhistorische sowie geschlechtergeschichtlicher Ansätze werden darin verfolgt und im Ergebnis zusammengeführt. Konservierungswissenschaftliche Strategien werden entwickelt, um für den möglichst langen Erhalt der Sammlungsobjekte, insbesondere der Kunststoffe, zu garantieren. Dieser interdisziplinäre Zugang zeichnet das Projekt als wichtigen Beitrag für die neuere Konzentrationslagerforschung aus, die so das Bewusstsein für die Auseinandersetzung mit materiellen Zeugnissen und ihrer zukünftigen Bedeutung für die historische Bildungsarbeit schärft.
Die für dieses Projekt ausgewählten 160 Artefakte, darunter Poesiealben, illustrierte Adressbüchlein, aufgezeichnete Kochrezepte, Tage- und Notizbücher, Blätter mit Notizen, Miniaturen, Zigarettenspitzen, Schach- und andere Spielfiguren, handgefertigter Schmuck, bestickte Tücher, Zigarettenkästchen und andere Gebrauchsgegenstände ebenso wie Zeichnungen und Skizzen sind in den beiden Gedenkstätten zu einem großen Teil bereits erfasst und digitalisiert. Die Fertigung einiger Gegenstände, wie bestimmte Miniaturen oder die heimlich verfassten Nachrichten des sogenannten Neubrandenburg-Funds, war bereits im Lager als Widerstandsaktion verstanden worden, andere, wie die Zeichnungen Peter Edels, wurden erst nach der Befreiung ikonisiert. Im Rahmen des Projekts sollen die Artefakte zum einen vollständig erfasst, kontextualisiert und unter drei miteinander verschränkten Perspektiven in den jeweiligen Teilprojekten – Objektbiografie, soziale und materielle Beziehungen oder Netzwerke sowie material- und technikgeschichtliche Zugänge – weiter analysiert werden.
Zentrale Fragen zur Geschichte der Konzentrationslager werden in dem Projekt neu aufgeworfen wie zum Beispiel nach agency, im Sinne menschlichen Handelns unter Gewalt- und Zwangsbedingungen. Die oftmals ähnlichen sozialen und kulturellen Praktiken von Frauen und Männern sind dabei im Zusammenhang mit ihrer Materialisierung in Dingen, hier Artefakten, zu denken. Konkret wird daher nach der Herkunft des Materials, Herstellung, Bedeutung, Funktion und auch der Sammlungsgeschichte einzelner Artefakte gefragt. Dabei gilt es, den spezifischen Entstehungs- und Distributionskontext ebenso zu berücksichtigen wie auch die Einordnung der ausgewählten Artefakte in die jeweiligen Erzähltraditionen oder auch Gattungen, ohne dabei jedoch eine Hierarchie der Dinge oder der damit verknüpften geschlechterspezifischen Praktiken und sozialen Beziehungen entwerfen zu wollen. Gender verstanden als mehrfach relationale Kategorie heißt, die Umgangsweisen und Praktiken nicht nur hinsichtlich der geschlechtlichen Markierung der Individuen, sondern auch ihrer jeweiligen Positionierungen in der Häftlingsgesellschaft genauso zu berücksichtigen wie in Bezug auf die Zugänglichkeit bzw. Verwendung von Materialien. Dabei muss auch untersucht werden, zu welchen Materialien Frauen und Männer im Hauptlager oder in den Außenlagern überhaupt Zugang hatten und welche Herstellungstechniken sie wählten. Welche sozialen (Macht-)Beziehungen bzw. Netzwerke waren dabei relevant? Erst mit der erweiterten Untersuchungsperspektive, einer Material identifizierenden (und daraus abgeleitet auch konservierungswissenschaftlichen) und einer materialgeschichtlichen, so die Annahme dieses Projekts, lassen sich zudem Fragen nach konkreten Entstehungszusammenhängen der Artefakte beantworten, die über Analysen ihres jeweiligen Repräsentationscharakters hinausgehen. Damit diese materiellen Zeugnisse der KZ-Geschichte nicht nur erfahrbar gemacht werden, sondern auch erhalten bleiben, ist es notwendig, konservatorische Konzepte zu jeder Materialgruppe zu erarbeiten.
Der Anteil der HTW an diesem Projekt liegt in der empirischen Erfassung der Materialien der ausgewählten Artefakte, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bergbau-Museum in der Identifikation der Konfiguration und, soweit möglich, der Herkunft dieser Materialien sowie in ihrer industrie- und materialgeschichtlichen Zuordnung und Kontextualisierung; diese Arbeit wird bezüglich der Objekte im Rahmen eines Promotionsprojekts, im Bereich der von Zeichnungen und Notizen von Prof. Keller geleistet werden. Nebst der Zusammenführung von Wissenschafts-, Material- und Industriegeschichte mit der Geschichte von Konzentrationslagern und Zwangsarbeit wird dadurch zusätzlich ein wesentlicher Beitrag zur Archäometrie der Moderne geleistet werden.
Die entstehenden Daten der Objekte aus den Lagern und ihrer materialtechnischen Untersuchungen werden in eine bestehende Datenbank (refdb2.htw-berlin.de) der HTW eingepflegt werden. Die Datenbank wird an die Anforderungen des Projekts angepasst werden und zusätzlich mit spezifischen Zugangsseiten für die Arbeitsgruppe und einer öffentlich zugänglichen Seite ausgestattet werden. Über die vorhandene Volltextsuche hinaus soll eine semantische Suchfunktion, die über das bestehende System gelegt wird, einen breiteren Zugang mit weiter gefassten Korrelationen möglich machen.
Im Rahmen der Lehre und von Masterprojekten wir im Studiengang MA Konservierung und Restaurierung v.a. der verbesserten Langzeitstabilisierung z.B. von Cellulosenitrat gearbeitet werden. Am Ende des Projekts werden die publizierbaren Daten im Open Access Format zur Verfügung stehen. Es werden zwei Monografien erscheinen, und es wird ein Konzept für eine Ausstellung mit den im Projekt thematisierten Artefakten geben.

Projektlaufzeit

1.10.2016 - 30.9.2019

Projektleitung

Projektmitarbeiter/innen

Kooperationspartner

  • Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Mittelgeber

VW-Stiftung

Förderprogramme

Forschung in Museen